Ferdinand steht am Abgrund. An seinen Fußspitzen vorbei geht es 45 Meter in die Tiefe, entlang an unnachgiebigem Fels. Wie Ameisen wimmeln Menschen am Grund hin und her. Sie haben etwas aufgebaut, was von hier oben aussieht, wie ein riesiger Berg Pappe. Sind das Umzugskartons? Aber da stürzt sich Ferdinand schon in die Tiefe. Er fällt nicht wie ein Stein, sondern grazil und elegant wie ein Artist. Er hat die Kontrolle über Wind und Schwerkraft und landet exakt kalkuliert in einem riesigen Berg aus herkömmlichen Umzugskartons. Aus dieser Höhe hat das noch niemand vor ihm geschafft. Bislang auch nicht nach ihm.

Ferdinand Fischer ist Stuntman. Und er ist gut, indem was er tut. Als auf YouTube ein Film von ihm auftaucht, wie er sich von einer Klippe 35 Meter in einen riesigen Berg aus Umzugskartons stürzt, wird sogar Pro7 auf den jungen Mann aufmerksam. Aiman Abdallah, bekannt aus dem TV Wissensmagazin Galileo, führt regelmäßig einen so genannten Fake Check durch, bei dem im Netz kursierende Videos auf ihre Echtheit geprüft werden. So auch der 35-Meter-Sprung von Ferdinand Fischer. Um zu beweisen, dass es sich hierbei keineswegs um einen Fake, also eine Fälschung handelt, erhöhte Ferdinand die Distanz und sprang 45 Meter in die Tiefe.

Dabei hat ein Stuntman wesentlich mehr Aufgaben, als von einem erhöhten Punkt in die Tiefe zu springen. Stuntman sind Experten. Experten auf dem Gebiet der Action-Szenen.

Niemand weiß besser als sie über die Choreographie und die Umsetzung von Actionszenen Bescheid. Auch Darsteller benötigen ihre Hilfe und müssen beraten werden, wie man am authentischsten fällt, schlägt oder nach einer Explosion durch die Luft fliegt. Ein Stuntman weiß, wie ein Mensch spektakulär von einem Auto überfahren werden kann, ohne dass einem ein Haar gekrümmt wird – dem Zuschauer aber hingegen der Schweiß ausbricht. „Stuntmen müssen auch gute Schauspieler. Ein Schlag ins Gesicht ist im Film reine Illusion, muss aber sehr echt aussehen“, weiß der Profi Ferdinand Fischer.

Ferdinand Fischer wollte schon als kleiner Junge Stuntman werden, „ist doch naheliegend, dass ich jetzt mein Geld damit verdiene.“ Naheliegend schon, aber ist das nicht auch sehr gefährlich? „Als Kind war das wesentlich gefährlicher als heute, wo alles auf professioneller Ebene abläuft. Die Stunts werden geplant und geprobt. Da wird nichts dem Zufall überlassen.“ Letztlich sei das Wichtigste aber die Selbsteinschätzung. „Wer aus Stolz oder Übermut handelt, ist leichtsinnig. Es ist wichtig einschätzen zu können, wozu man in der Lage ist und wofür die Zeit einfach noch nicht reif ist.“

Dieser Meinung ist auch der Vater aller Stuntman, Sascha Borysenko: „Mut hat nichts mit Leichtsinn zu tun“. Und er muss es wissen, arbeitet er doch seit über 40 Jahren als Stuntman. 1973 gründete er die erste Stuntman-Schule in Deutschland. Und obwohl er schon etliche Schlägereien, Unfälle, Explosionen, Kriege und Stürze hinter sich hat, ist ihm noch nie etwas Ernsthaftes passiert. Auf die Frage hin wie man so ein harter Hund wird, antworten die beiden Teufelskerle ähnlich. Wer gut vorbereitet sei, der müsse keine Ängste haben. „Eine gute Vorbereitung schließt die mentale Vorbereitung unbedingt mit ein“, so Ferdinand Fischer. „Wer Todesangst hat, blockiert. In diesem Zustand ist es unmöglich die Kontrolle zu haben. Man muss seine Grenzen genau kennen und sollte lieber einmal mehr einen Job absagen, als hochmütig zu scheitern.“

Sascha Borysenko, trainierte mit Arnold Schwarzenegger, drehte Werbespots mit Harald Juhnke und mit dem Regisseur Rainer Fassbinder. Wenn er sagt, zum Stuntman müsse man geboren sein, dann glaubt man ihm. Und tatsächlich erzählen beide Stuntmen, auch privat von dem harten Training für ihr Können zu profitieren. Kürzlich stürzte Ferdinand Fischer vom Dach, die Leiter und anschließend eine Treppe hinunter. Er krümmte sich kein Haar. Sascha Borysenko stürzte einmal beim Spaziergang mit dem Hund vom Rad in einen Fluss. Auch er krümmte sich kein Haar. Als Stuntman geboren zu sein, hat etwas Praktisches. Das sind echte Teufelskerle!