
TSI: Mit zehn Jahren hast du begonnen Minibikes zu fahren. Wie kommt man in diesem zarten Alter zum Motorradrennsport?
Arne Tode: Mein Vater war immer schon vom Rennsport begeistert. Ich selbst hatte als Kind wenig Interesse und auch wenig Talent für Ballsportarten. Mit neun Jahren hat mich mein Vater zum ersten Mal als Zuschauer zu einem Minibike-Rennen mitgenommen. Ich fand es auch ganz nett, mein Interesse war aber noch nicht ganz geweckt. Bis zu dem Moment als mein Vater mir anbot ein Minibike zu kaufen. Als ich dann langsam lernte damit umzugehen, merkte ich, dass es um mehr geht als darum, im Kreis herumzufahren. Als sich sehr schnell Fortschritte und Erfolge einstellten war ich davon begeistert. Mit zehn Jahren wurde ich dann „Rookie of the Year“, bester Neueinsteiger, bei der damaligen deutschen Meisterschaft im Minibike und stieg anschließend nach und nach durch die verschiedenen Klassen auf.
TSI: Gab es viele Stürze oder schwere Verletzungen in deiner Karriere?
Arne Tode: Stürze, ja. Schwere Verletzungen sind relativ. Ich hatte sicherlich schon so viele Stürze, dass ich sie an zwei Händen nicht abzählen kann. Auch einige Knochenbrüche. Aber etwas wirklich Schlimmes war nicht dabei. Es ist auch etwas anderes als zum Beispiel im Fußball, wo ein kaputtes Knie das Karriereende bedeuten kann. Bänderverletzungen gibt es im Motorsport kaum. Bei uns bricht mal ein Schlüsselbein, mal ein Knochen, mal ein Gelenk. Das ist alles schnell gefixt. Mein Arm zum Beispiel war fünfmal gebrochen, trotzdem habe ich keinerlei Probleme. Ich will es nicht herunterspielen, aber ein paar Verletzungen gehören schon zum Berufsrisiko. Dessen muss man sich einfach bewusst sein.
TSI: Welche Geschwindigkeiten erreicht ihr auf euren Rennmaschinen?
Arne Tode: Die Geschwindigkeit ist für viele Außenstehende immer sehr wichtig. Für uns Rennfahrer ist das oft schwer zu sagen und es ist von Strecke zu Strecke auch völlig unterschiedlich. Ein Motorrad, zum Beispiel ein Superbike mit 1000 cm³, fährt weit über 300 km/h. Eine 600er tut sich ab 270 km/h schon schwer, erreicht aber theoretisch auf langer Strecke auch 300 km/h. Diese Geschwindigkeiten erreichen wir aber selten, vielleicht zweimal im Jahr auf bestimmten Strecken. Uns Fahrer interessieren die genauen Geschwindigkeiten auch kaum, zumal wir keinen Tacho haben. Beim Datarecording werden natürlich unter anderem unsere Geschwindigkeiten ausgewertet. Aber es ist eigentlich nur ein Aspekt von vielen und es geht dabei um Werte im Kommabereich.

TSI: Wie kann man die Kräfte, die auf euch Rennfahrer einwirken einem Laien beschreiben? Wie den berühmten Tunnelblick?
Arne Tode: Das ist gar nicht so einfach. Das meiste im Rennen macht man intuitiv, so dass es schwer zu beschreiben ist. Sicherlich gibt es äußere Einflüsse wie Windböen oder G-Kräfte die auf einen wirken, zum Beispiel wenn man in der Kurve von 300 Sachen auf 40 km/h runterbremst. Damit lebt man aber einfach und nimmt sie gar nicht bewusst war. Man bewegt seinen Körper und Geist so schnell durch Raum und Zeit, dass man gar nicht darüber nachdenkt, sondern einfach aus Reflexen heraus handelt. Die Gedanken während eines Rennens sind auf ein Minimum reduziert. Es ist vielmehr eine Gefühlssache. Man wird eins mit dem Motorrad. Wie ist das Gefühl auf dem Hinterreifen? Wie fühlt sich das Motorrad vorne an? Der Tunnelblick ist beim Motorradfahren gar nicht so ausgeprägt. Das Blickfeld ist durch das Visier ohnehin eingeschränkter als hinter der Windschutzscheibe eines Wagens. Es schrumpft sicherlich noch weiter, macht sich aber bei uns nur minimal bemerkbar. Letztlich fahren wir die Strecken auch eher vor dem inneren Auge ab. Das ganze Rennen, der Streckenverlauf, spielt sich von dem Moment an in dem wir auf das Bike steigen eigentlich im Kopf ab.
TSI: Motorradfahren wird oft gleichgesetzt mit Geschwindigkeitsrausch oder Adrenalin. Empfindet man so etwas als Profi-Rennsportler?
Arne Tode: Die Faszination liegt für mich im Motorsport insgesamt und in der Perfektion auf der Rennstrecke. Es ist ein unglaubliches Gefühl, wenn man eine saubere Kurvenkombination schafft, sich an den Grenzbereich heranarbeitet und sich das Motorrad dabei auch noch sicher anfühlt. Unbeschreiblich einfach. Auch das Reisen, der Austausch mit den anderen Menschen im Rennzirkus und im Team sind letztlich Dinge die mir viel wichtiger sind. Ein wenig geht es natürlich auch um die Selbstbestätigung die uns dieser Sport gibt. Wir alle fahren Rennen um zu gewinnen.
TSI: Muss man ein Teufelskerl sein, um in diesem Sport Erfolg zu haben?
Arne Tode: Eine Gewisse Portion Draufgängertum gehört sicher dazu. Aber man sollte auch wissen wann man risikobereit ist. Als Charaktereigenschaft ist es für diesen Sport nicht unbedingt förderlich und hilft nur bis zu einem gewissen Punkt. Es gibt Kollegen die haben es durch sehr viel Risikobereitschaft sehr weit gebracht, aber es kann einen eben auch unter die Erde bringen. Jeder hat, so würde ich es behaupten, nur eine gewisse Anzahl Risikokarten auf seinem Stapel liegen, deshalb sollte man diese auch nur sehr gezielt ausspielen.

TSI: Das Risiko einer lebensgefährlichen Verletzung ist beim Motorradfahren ungleich höher als beispielsweise in der Formel 1. Inwieweit beschäftigt man sich mit diesem Thema?
Arne Tode: Darüber denkt man nicht wirklich nach. Ich würde auch behaupten, dass auf den Rennstrecken auf denen wir fahren, sich sehr viele Sachen äußerst unglücklich verketten, ganz viele Dinge daneben gehen müssen, bevor es zu dem Punkt kommt, dass ein Sturz tödlich endet. Es ist natürlich dennoch leider fast jedes Jahr wieder dazu gekommen, dass ein Fahrer tödlich verunglückt ist. Darunter auch Leute die mir Nahe standen. Wir wissen um das Risiko. Wir wissen aber auch, dass wir es zu einem gewissen Teil selbst in der Hand haben. Vielleicht denkt man über diese Dinge auch in einigen Jahren anders, wenn man älter ist, mehr Knochenbrüche hinter sich und Frau und Kinder hat. Während eines Rennwochenendes beschäftigt man sich jedoch nicht mit diesem Thema. Es würde einen einfach nicht weiterbringen.
TSI: Auf welcher Maschine fährst Du privat Motorrad?
Arne Tode: Bisher auf gar keiner. Es war in meinem Fall nicht so, dass ich über eine Faszination für Motorräder zum Rennsport gekommen bin. Ich mag sie, finde sie sehen gut aus und interessiere mich für die technischen Details. Es ging mir aber immer um das Gefühl, dass man auf der Strecke hat. Wobei ich zugeben muss, dass in den letzten Jahren der Gedanke in mir heranreift mir doch irgendwann ein Motorrad privat zu kaufen. Aber irgendetwas Langsames. Vielleicht werde ich irgendwann auf einem 60er oder 70er Jahre Chopper die Landschaft genießen. Bis dahin genieße ich das Motorradfahren auf der Rennstrecke.




