

Herr Patzak, wie wird man zum Berufstaucher?
Indem man mit acht Jahren zum ersten Mal mit seinem Nachbarn in der Ostsee tauchen geht und anschließend seine Berufswahl abgeschlossen hat.
Liebe auf den ersten Blick?
Kann man so sagen. Nach der ersten Taucherfahrung in der Ostsee kam dann der Tauchschein und mit 16 die Ausbildung zum Schlosser.
Schlosser? Der Einfluss der Eltern?
Nein. Schlosser deshalb, weil man als Berufstaucher eine handwerkliche Ausbildung absolviert haben muss. Nur tauchen bringt letztlich niemandem etwas, denn schließlich hat man unter Wasser auch eine Aufgabe für die man ausgebildet sein muss.

Wie kann man sich das vorstellen?
(lacht) Wie eine ganz normale Baustelle, nur eben dunkel, leise und unter Wasser. Da wird Beton gegossen, hier geschweißt und dort werden Gruben ausgehoben.
Blind schweißen klingt gefährlich.
Die Dunkelheit birgt sicherlich Gefahren, aber wir sehen mit unseren Händen. Unsere Unterarme sind unser Metermaß und technische Zeichnungen prägen wir uns an der Oberfläche ein, um uns unter Wasser zurechtzufinden und an der richtigen Stelle zu schweißen.
Eigentlich arbeiten Sie alleine und trotzdem im Team. Wie geht das?
Das klingt wirklich widersprüchlich, aber liegt in der Natur der Dinge. Man muss sich blind auf das Team an der Oberfläche verlassen können, ist aber unter Wasser völlig allein. Auf großen Baustellen weiß man zwar, dass um einen herum noch andere Taucher sind, aber man sieht sie nicht und arbeitet auch nicht direkt mit ihnen zusammen. Damit der Potsdamer Platz bebaut werden konnte, musste von Tauchern zunächst auf dem Grund der Baugrube das Fundament betoniert werden. Erst danach konnte der Hochbau beginnen. Auf dieser Baustelle waren 300 Taucher am Werk und trotzdem war man im Grunde alleine.

Mit welchen Gefahren muss man umgehen?
Wenn man mit Spezialbeton arbeitet, wie wir am Potsdamer Platz, kann man nicht mittendrin aufhören, weil man Kopfschmerzen hat oder einem kalt wird. Da muss man schon mal 12 bis 14 Stunden unter Wasser bleiben. Das birgt natürlich auch Gefahren, wie Unterkühlungen. Die größte Gefahr ist aber immer, den Kopf zu verlieren und in Panik zu geraten.
Wann kann das passieren?
Zum Beispiel beim Tauchen in einem Düker-Rohr. Die sind 60 bis 80 cm breit und unterschiedlich lang. Ich bin schon mal durch eines getaucht, das 60 Meter lang war. Während man im Rohr taucht, verliert man das Gefühl dafür, an welcher Stelle man sich befindet und wie weit es noch bis zum Ende ist. Hier darf man auf keinen Fall die Nerven verlieren. Dabei sind schon einige Taucher in Panik geraten und umgekommen. Man muss den Kopf ruhig kriegen.
Was war das heftigste Erlebnis unter Wasser?
Vor ungefähr sieben Jahren wurden wir für eine Leichenbergung eingesetzt. Eine Ingenieurin war in den Faulturm eines Klärwerks gefallen. Du steckst in 55 Metern Tiefe, bei 42C° in einem Faulturm und suchst eine Leiche. Wenn Dich in einer solchen Situation ein Schlauch an der Wade berührt, dann ist das krass. Hier ist es nicht nur die Panik, sondern auch die Gefahr sich zu übergeben oder Kreislaufschwierigkeiten zu bekommen. In völliger Dunkelheit merkt man nicht, ob einem schwarz vor Augen oder schummrig wird. Allerdings hat man auch immer einen Partner an der Oberfläche, der Kontakt hält und über Funk merkt, sobald etwas nicht stimmt.

Wie bewältigt man seine Angst oder seinen Ekel?
Es ist eher Respekt als Angst. Wenn ich Angst hätte wäre ich der Falsche für den Job. Die darf man nicht haben, denn aus Angst kann Panik werden und das kann schnell tödlich enden. Seinen Ekel verliert man durch Erfahrung und mentale Arbeit.
Waren Sie schon an einem Punkt das alles hinzuschmeißen?
Eigentlich nicht, allerdings macht der ständige Überdruck auch irgendwann den Körper kaputt. Nicht Wenige gehen mit 40 Jahren in Rente. Häufig sogar, weil sie es mental nicht mehr schaffen. Auf der einen Seite hat man als Berufstaucher ein sehr hohes Ansehen, auf der anderen Seite ist man ständig unterwegs, was Familie und soziale Kontakte fast unmöglich macht. Irgendwann muss man die Reißleine ziehen.

Haben Sie die Reißleine gezogen?
Es hat sich so ergeben, dass ich jetzt Tauchlehrer bin und anderen das Tauchen beibringe. Das ist natürlich eine prima Alternative. Dennoch, ich liebe den Job des Berufstauchers und mich juckt es wirklich wieder auf die Baustelle zu gehen.
Was ist das tolle an ihrem Job?
Wenn mich jemand fragt, was ich beruflich mache, dann sage ich: ich bin Taucher. Das ist etwas Besonderes. Das macht nicht jeder. Ich bin kein Banker oder BWLer, aber genau darauf bin ich als Berufstaucher auch sehr stolz.
Abgesehen davon, sind sie auch noch ein „Echter Teufelskerl“! Danke für das Gespräch, Herr Patzak.
Christian Patzak ist heute Betreiber des Tauchreviers Gasometer in Duisburg. Das TauchRevierGasometer ist das größte Indoor Tauch- und Ausbildungszentrum Europas. Der Durchmesser des Gasometers beträgt 45, die Tiefe 13 Meter. Der Gasometer beinhaltet 21 Mio. Liter Süßwasser. Die Sichtweite kann bis zu 25 Meter betragen. Christian Patzak bildet vom Anfänger bis zum Tauchlehrer aus.




