Als er am Morgen sein Zelt verlässt, findet er den Weg sofort wieder, keine zwanzig Meter von seinem Lager entfernt. In der Nacht aber, als er sich verfahren hatte und in der absoluten Finsternis des Urwalds sein Lager aufschlagen musste, da hatte Christoph Fladung zum ersten Mal Angst. Nachdem er mit dem Fahrrad nach Barcelona und Istanbul gefahren war, mit dem Liegerad coast to coast quer durch die USA, von Frankfurt aus durch Steppen, über Gebirge und durch Megacitys bis zum Mount Everest und dann nach einem Jahr Pause weiter vom Mount Everest in Richtung Australien. Nach all diesen Erlebnissen, Entdeckungen und Entbehrungen war das Gefühl doch noch über ihn gekommen. In den tiefen Wäldern von Osttimor, in dem noch kurz zuvor bewaffnete Unruhen getobt hatten, da war das Gefühl plötzlich da, in seinen Eingeweiden und in seinem Kopf.

„Das war für mich eine Situation, in der ich meine Grenzen gespürt habe“, urteilt Christoph Fladung trocken. Und der 29-Jährige hat seine eigene Definition von Grenzen: „Bungee Jumping zum Beispiel, es ist aufregend, aber das Risiko, wenn es überhaupt eins gibt, ist genau bekannt und absolut eingegrenzt. Für mich beginnt ein Abenteuer da, wo das Risiko nicht mehr kalkulierbar ist.“ Und das, findet er, war auf seinen Reisen in dem Moment der Fall, als er nicht sehen konnte, wo er sein Lager aufschlug, aber genau wusste, dass es Pythons gibt in dieser Gegend – und dass er Niemanden von seiner genauen Route erzählt hatte.  

Auf seiner Reise hat er die unterschiedlichsten Situationen gemeistert: Die Begegnung mit dem türkischen Panzer, der nahe der iranischen Grenze morgens vor seinem Zelt auf ihn wartete. Die Fahrt durch das von einer Militärjunta abgeschirmte Birma, die Nächte in denen vor seinem Zelt die Wölfe der Karpaten heulten, die unzähligen Male, die er in Tibet auf unbekannte Zeit sein Liegerad nur noch durch die Geröllhalden schieben konnte, die vielen Male, die er den Weg nicht sicher wusste und Menschen fragen musste, deren Kultur er nicht kannte und deren Sprache er nicht verstand, die Übernachtung bei einer Gruppe chinesischer Straßenbauarbeiter, das nächtliche Trinkgelage mit einer Gruppe Männer in Usbekistan, bei dem am nächsten Morgen seine Uhr fehlte. All das hat er mit einer Mischung aus Abenteuergeist und dem Gefühl für die Situation heil überstanden.

Sein Liegerad ist dabei für Christoph Fladung ein geniales Fortbewegungsmittel, weil er so viel längere Strecken schmerzfrei zurücklegen kann und weil es besser auf den Transport von Gepäck ausgelegt ist als ein normales Fahrrad. Es ist aber viel mehr als das. Er nennt das Liegerad seine Kommunikationsmaschine. Weil viele Menschen so was noch nie gesehen haben, kommt der Traveller sofort mit ihnen ins Gespräch. Und er bekommt sogar einen guten ersten Eindruck von der Kultur des Landes, in das er gerade kommt – allein durch die Reaktion der Kinder auf sein Liegerad. „Die Kinder im Iran sind fast ausgerastet vor Lachen und Jubeln und in Tibet haben sie sich vor mir versteckt, weil sie Angst vor dem unbekannten Ding hatten.“ Eigentlich, findet Fladung, ist das fast der größte Vorteil am Reisen im Liegerad, dass der Kontakt ganz von selbst zustande kommt.

„Die Menschen haben mich einfach so eingeladen mit ihnen zu essen oder bei ihnen zu übernachten.“ Der Moment, indem er diese Gastfreundschaft entdeckt hat, das war schon gleich hinter der ungarischen Grenze, das war der Moment, in dem ihm klar wurde: Er wird in seinem Leben nie wieder einen Pauschalurlaub buchen. Nie wieder All-Inclusive-Strandbar, nie wieder „28-Languages“-„Paris in 1 hour“-Doppeldeckerbus.

Er war gerade 18, als er seine erste internationale Fahrradtour anging. Damals noch ohne Zelt und mit einem normalen Rad. Er wollte im Sommer eine längere Tour fahren, seine damalige Freundin wollte lieber am Pool in der Sonne liegen. Also machten sie einen Kompromiss und die erste Fahrrad-Tour wurde gleich eine quer durch Frankreich. „Du fliegst Schatz und ich komme mit dem Rad nach“, hat er damals zu ihr gesagt und so hat er es gemacht.

Seitdem ist er angefixt und die Arbeit, der er daheim in Frankfurt zum Broterwerb nachgeht, die ist immer nur auf eines ausgerichtet: Sie soll die nächste Reise ermöglichen und nicht verhindern. Fladung hat sich schon Geld mit Dia-Vorträgen über seine Reisen verdient, ist in Bürgerhäusern aufgetreten vor Leuten, die fasziniert jedes seiner Worte aufsaugten, aber niemals den Mut aufbringen könnten, sich selbst einfach in den Sattel zu legen und nach Asien aufzubrechen. Außerdem fährt er ab und zu Lkw oder er jettet als Luftfahrtkurier um die Welt und erledigt Spezial-Aufträge – demnächst knackt er so als Vielflieger den Senatoren-Status, obwohl er das Fliegen für die langweiligste Art des Reisens hält – „man sieht nichts und lernt niemanden kennen“.

 

Vor Kurzem hat Fladung sich selbstständig gemacht mit einer Werkstatt, in der er alte Flugzeugteile zu Möbeln für Individualisten umarbeitet. Auch dieser Job dient vor allem einem Zweck: Er soll die Option offen halten, jederzeit zu einer Reise aufbrechen zu können. „Irgendwann will ich damit so viel Geld verdienen, dass ich eine Hälfte des Jahres Möbel bauen und die andere Hälfte unterwegs sein kann.“