



Es gibt kaum etwas, dass abwegiger wäre, als an einem wunderwarmen Frühlingstag bei knallsonnigen 26 Grad ins Museum zu gehen. Ins Museum! Ich hab´s trotzdem getan und blieb zwei schrill-amüsante Stunden. Auf der Pop Life in der Hamburger Kunsthalle: Die umfangreiche Ausstellung über 37 Vertreter der Pop Art-Bewegung huldigt vor allem ihrem exzentrischen Urvater Andy Warhol. Der studierte Grafiker und Filmemacher war besessen davon, reich und berühmt zu werden, und schaffte beides. Bei seinem Tod hinterließ er mehr als 100 Millionen Dollar. Er hatte es geschafft, sich selbst wie niemand zuvor als Luxus-Markenprodukt zu inszenieren. Alles mit Kalkül: Warhol trat in Werbespots auf, hatte eine eigene Talkshow, gab ein Promimagazin heraus und war als Partylöwe Stammgast in New Yorks legendärer Disco, dem „Studio 54“.
Vor allem machte er keinen Unterschied zwischen Kunst und Kommerz. „Gute Geschäfte sind die beste Kunst“ fand der seltsam scheue Pop-Artist und schuf den neuen Begriff „Businesskunst“. Mit den kreischbunten Siebdruck-Porträts von Berühmtheiten wie Marilyn Monroe, Mick Jagger oder Grace Jones profilierte er sich in den 70er Jahren selbst als Star. Aber auch Industrielle und Kunstsammler konnten ihr eigenes Porträt bekommen - wenn genügend Geld floss, gern auch mit Diamantstaub getoppt.
Seine kultigen Campbell´s-Dosen von 1962 dürfen natürlich in keiner Ausstellung fehlen: Auf der Pop Life gibt´s sie in den Variationen Nudelsuppe und Zwiebel-Pilzsuppe. Leider nur als Reklame-Siebdruck zum Anschauen. Mein Hunger bleibt. Und findet noch ganz andere Schaustücke, an denen er sich festbeißen kann.
Zum Beispiel Jeff Koons gigantischen Gold-Bären aus Kristallglas mit farbiger Kunststoffschicht.
...überlege ich kurz. Und stolpere dann fast in eine Schulklasse, die Takashi Murakamis überlebensgroßes Mädchen im Manga-Stil begafft. „Guck mal, die Glocken“, sagt einer der Jungs zu seinem Kumpel. „So was freut dich, was!“ Das seilspringende Monsterbabe aus Acryl trägt außer einem Riesenvorbau nur noch eine blaue Perücke und gelbe Haarschleifen. Und na ja, einen rosa Minibikini.
Zusammen mit Jeff Koons zählt der Japaner Murakami zu den erfolgreichsten Kunstgeschäftsleuten, die in Warhols Fußstapfen getreten sind. Von Koons sticht die kontroverse Serie „Made in Heaven“ hervor, die ihn mit seiner späteren Ehefrau, dem Pornostar Cicciolina zeigt. Noch intimer geht´s im Kabinett für Besucher ab 18 zu, wo das Paar die Prostitution der Kunst auf die Spitze treibt. Ich darf rein...
Aus Raum 7 stampfende Popmusik, hier hat man den berühmten Pop Shop des Graffiti-Künstlers Keith Haring nachgebaut. Zu meinen Favoriten gehören die in Gold gefassten Schmetterlingsbilder mit Diamanten (deshalb!) von Damien Hirst. Einen Tag vor dem Börsencrash 2008 ließ der Engländer 223 brandneue Werke versteigern für den Rekordbetrag von umgerechnet 127 Millionen Euro! Businesskunst in Vollendung.
Hirst kann auch anders: Gleich zu Beginn der Ausstellung schockt er mit dem Exponat „Falsches Idol“. Stellt ein totes Kalb mit vergoldeten Hufen in einen goldenen Stahlglaskasten auf einen Marmorsockel. Später liegt ein totes Pferd auf dem Flur. Aufgespießt von einem Holzschild. Gruselig. Hier soll der Künstler als Hofnarr gezeigt werden.
Zum Glück endet die Pop Life fröhlich. In einer Art asiatischem Spielzeugland. Mit einem glubschäugigen, scharfzähnigen, kugelförmigen Haifischobjekt, dass juwelenbesetzte Waren von Cola über Ketchup bis Kondom im geöffneten Maul präsentiert. Ganz schön bling-bling!
Und gleich ist das Leben wieder Pop! Wer diesmal zu spät kam, der hat einiges verpasst. Aber nicht diesen Artikel. Bitteschön!
Katinka Jaekel www.talkandwrite.de




